Management in sozialen Organisationen
Ein Beitrag von Franziska Woellert
„Auf der Treppe."
Von Franziska Woellert, Studienleitung akd
Der Winter hat uns fest im Griff, und bei uns in Berlin sind zum ersten Mal seit Jahren wieder die Seen zugefroren und laden zum Schlittschuhlaufen ein. Zuletzt war ich Anfang vergangenes Jahr auf der Eisbahn – wie immer mit viel Freude am Gleiten über die Bahn. Selbst der etwas schmerzhafte Sturz aufs Knie konnte mir wenig anhaben. Nach einer kurzen Pause machte ich einfach weiter. Der Sturz war schnell vergessen.
Doch seit ein paar Monaten habe ich begonnen, Treppen anderes wahrzunehmen. Am Anfang war es nur ein leichtes Unbehagen, ein Zwicken im Knie. Nichts, was mich und meinen Tatendrang ernsthaft aufhielt. Doch mit der Zeit kam das Zwicken häufiger. Ich begann, Treppen zu meiden, und auch Fahrradfahren wurde unangenehm.
Und dann, letzten Herbst in München mitten auf der Treppe zur S-Bahn, kam dieser Moment: Das Knie knickte weg, und ich saß vor Schmerz auf der Stufe. Seitdem gehe ich Treppen so: Stufe für Stufe, immer nur mit einem Bein, am liebsten mit Geländer.
Es hat eine Weile gedauert, bis mir klar wurde, wie lange ich das schon kompensiert hatte. Wie selbstverständlich ich mich arrangiert habe: ein bisschen anders auftreten, ein bisschen langsamer Fahrradfahren, ein bisschen weniger Schwung. Man gewöhnt sich schnell an kleine Ausweichbewegungen.
Bis zu diesem Moment, an dem nichts mehr ging. Es folgten: Arzt, MRT, Diagnose, OP. Und nun seit Wochen: komplett eingeschränkte Bewegung, bis sich alles wieder regeneriert hat. Nicht gehen können, nicht „mal eben raus“, nicht laufen, nicht wandern, nicht aufs Eis. Alles ist langsamer, alles ist bewusster – ob ich will oder nicht.
Und ich merke, wie vertraut mir dieses Muster eigentlich ist. Nicht nur körperlich.
Viele Menschen, insbesondere Führungskräfte, bewegen sich im Alltag ähnlich: kleine Kompensationen, kleine Anpassungen, kleine Umwege, die man irgendwann gar nicht mehr bemerkt. Verantwortung tragen, Entscheidungen treffen, Abläufe sortieren, Erwartungen managen, Teams zusammenhalten. Alles läuft, weil man läuft. Und wenn etwas zwickt, macht man eben weiter.
Bis man plötzlich mitten auf der Treppe steht und merkt: so geht es nicht mehr.
Erstaunlich ist für mich, dass nicht die Diagnose der eigentliche Wendepunkt war, sondern der Moment auf der Treppe. Dieser ungeplante Zwischenstopp, der mich zwang, mich mit mir selbst, meiner Leistungsfähigkeit, meiner eigenen Bewegungslogik, meinen Gewohnheiten auseinanderzusetzen.
Genau solche Momente erlebe ich auch als Dozentin, wenn Führungskräfte beginnen, sich bewusst mit ihrer Rolle und ihren Aufgaben auseinanderzusetzen. Es ist ein ähnliches Innehalten. Und plötzlich merkt man, wie viel Weg man schon geschafft hat. Wie viele Strukturen man schon gestaltet hat, ohne es richtig wahrzunehmen. Wie viele Entscheidungen man täglich trifft – und welche Auswirkungen sie haben. Wie oft man Konflikte auffängt, Dynamiken sortiert, Übergänge gestaltet, …
Es ist, als ob man plötzlich eine Landkarte des eigenen Führungsweges in die Hand bekommt – nicht als theoretisches Konstrukt, sondern als Abbild der eigenen Erfahrungen: Da bin ich schon lang gegangen. Hier bin ich automatisch ausgewichen. Hier habe ich etwas gar nicht gesehen. Und dort würde ich gern bewusster entscheiden, welche Richtung ich nehme.
Führung ist dann wie das Leben insgesamt: ein „Unterwegs-Sein“, das erst sichtbar wird, wenn man den Schritt verlangsamt – freiwillig oder unfreiwillig. Es braucht dazu diesen Moment, an dem man aufhört weiterzulaufen, und sich die Zeit nimmt, den bisherigen Weg und das Gelände um einen herum genauer zu betrachten. Sich austauschen mit Menschen in ähnlichen Situationen. Und Impulse mitnehmen, um sie in die eigene Realität zu übersetzten.
Vielleicht geht es auch für mich gar nicht darum, sofort wieder loszurennen. Sondern darum, meinen eigenen Rhythmus wiederzufinden.
Ich übe diesen Winter also das langsame Gehen. Und bin erstaunt, was man dabei alles sieht.
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