Blinde Flecken

Ein Beitrag von Franziska Woellert


Blinde Flecken


Eigentlich wollte ich in diesem Newsletter über Risikomanagement in Kirche und Diakonie als potentiell blinder Fleck vieler Führungskräfte schreiben. Darüber, warum es für das strategische Management gerade in der heutigen volatilen Zeit so wichtig ist, Risiken und Chancen frühzeitig zu erkennen und daraus Konsequenzen für strategische Entscheidungen im Sinne des wirtschaftlichen, wie auch gesellschaftlichen und kirchlich-diakonischen Auftrags abzuleiten. Ein Plädoyer für all diejenigen, denen das nicht sowieso schon klar ist.

Doch je mehr ich über das Thema nachdenke, desto unsicherer werde ich mir, ob das den Kern der aktuellen Herausforderungen von Kirche und Diakonie trifft. Oder ob der blinde Fleck nicht vielleicht ganz woanders sitzt. Ob wir nicht gerade eine viel grundsätzlichere Veränderung erleben, die viel stärker an den Fundamenten unserer kirchlich-diakonischen Werte rüttelt, als wir es mit einem klassischen Risikomanagement abbilden können.

Viel wird über den Abbau des Sozialstaats geredet, vor allem gemessen an den verschiedenen finanziellen Beschneidungen der jüngsten Zeit. Viel auch über den Vertrauensverlust, den Kirche in Gesellschaft erlebt, vor allem gemessen an den rückgehenden Mitgliedszahlen. Doch so problematisch diese beiden Entwicklungen auch sind, dahinter steht ein viel grundsätzlicher gesamtgesellschaftlicher Paradigmenwechsel, der den gesellschaftlichen Auftrag von Kirche und Diakonie per se in Frage stellt.

Wer sich zum Beispiel mit den Programmen der AfD für die anstehenden Landtagswahlen beschäftigt, findet dort – anders manchmal suggeriert – durchaus Bekenntnisse zu staatlichen Sozialleistungen. Allerdings eng ausgerichtet an ein sehr konservatives, teilweise völkisches Verständnis von Sozialstaat und eben nicht am Leitbild der Freien Wohlfahrt, wie wir sie  kennen. Für solche Perspektiven bekommt die Partei viel Zustimmung aus der Bevölkerung. 

Und es geht noch weiter:  Kirche soll nach diesem Verständnis zwar nicht abgeschafft, aber rein auf den geistlichen Auftrag (Leiturgia) reduziert werden. Die anderen drei Säulen (oder Grundvollzüge) des christlichen Glaubens, die Verkündigung (Martyria), die Gemeinschaft (koinoni) und vor allem der Dienst am Menschen (Diakonia), sollen radikal beschnitten werden.

Damit haben wir es mit einer ganz anderen Kategorie von Risiko zu tun, als wenn wir über Fachkräftemangel oder Refinanzierlücken reden. Es geht um Entwicklungen, die den normativen Kern unserer Organisationen berühren: unseren Auftrag, unsere Legitimation und die Frage, welchen Platz Kirche und Diakonie künftig in unserer Gesellschaft haben. So ein Risiko bedroht nicht einzelne Projekte, Geschäftsbereiche oder Finanzierungsstrukturen. Es stellt vielmehr die Voraussetzungen infrage, unter denen wir unsere strategischen Ziele überhaupt entwickeln.

Und jetzt schreibe ich also doch noch über Risikomanagement. Allerdings nicht über die Sensibilisierung für ein klassisches Risikomanagement, sondern über ein grundlegend erweitertes Verständnis davon. Risikomanagement muss aus meiner Sicht vermehrt dort stattfinden, wo über die Zukunft der kirchlichen und diakonischen Organisationen im Rahmen ihres christlichen Auftrags und dessen Ausführung nachgedacht wird. Dadurch kommt ihm eine bedeutenden Funktion im Zusammenspiel von normativem, strategischem und operativem Management zu. Nicht als Stabstelle Controlling, sondern eher als Art „strategischer Hofnarr“ mit der Befugnis, die Fragen zu stellen, die an den Grundfesten rütteln und herausfordern. 

Denn wenn sich mit den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen auch die Möglichkeiten für den christlichen Dienst am Menschen verändern, beginnt das Risiko nicht erst bei der Finanzierungsfrage oder der Umsetzung. Es beginnt bei der Frage, wofür wir als Kirche und Diakonie stehen und wie wir diesen Auftrag unter veränderten Bedingungen weiter erfüllen können.

Vielleicht ist eher das der blinde Fleck, den wir uns künftig genauer anschauen sollten.