Beratung ohne Ratschlag.
Coaching von Führungkräften und Organisationen.
Ein Beitrag von Robert Wieczorek und Tilman Kingreen.
„Beratung ohne Ratschlag."
Von Robert Wieczorek und Tilman Kingreen
Bild: Adobe Firefly
„Meine Herren, Sie begleiten beide erfolgreich Führungskräfte und Organisationen. Aber Sie tun das offenbar auf völlig unterschiedliche Weise. Beginnen wir mit Ihrem Menschenbild.“
Tilman:
„Menschenbilder entscheiden, mit welcher Haltung wir anderen begegnen. Mich prägt das christliche Menschenbild, das ich so versteh: In jedem Menschen steckt eine verborgene Gottebenbildlichkeit. Das schützt ihn davor, sich Gott gleich zu machen und bewahrt ihn davor, sich oder andere zu verteufeln. Nach diesem Verständnis einer stets verschütteten Ebenbildlichkeit tragen Menschen Entwicklungspotentiale in sich. Diese zu stärken und Destruktives zu begrenzen gelingt in einer wachstumsförderlichen Beziehung. Das ist die Aufgabe des Coachings.“
Robert:
„Das klingt total schön – aber Organisationen haben reale Probleme: Konflikte, Überforderung, ineffiziente Kommunikation. Menschen können lernen, ihre inneren Muster aktiv zu verändern. Warum sollten wir warten, bis Entwicklung ,von selbst‘ geschieht?
Eine Führungskraft braucht Werkzeuge, Fähigkeiten und eine klare innere Haltung.“
Tilman:
„Werkzeuge machen Menschen zu Objekten.“
Robert:
„Und reine Empathie kann Probleme romantisieren.“
„Wie arbeiten Sie denn konkret mit einer erschöpften Bereichsleitung einer diakonischen Einrichtung?“
Tilman:
„Viele Leitungspersonen im kirchlichen Kontext erleben einen permanenten Erwartungsdruck: moralisch, organisatorisch, rhetorisch, spirituell. Die Wucht ist erdrückend. Coaching erschließt einen ersten resilienten Zugang, indem es beim Sortieren hilft und jene Felder hervorhebt, in denen der Druck noch gut bewältigt werden kann, um von dort aus zu fokussieren, wo die Kräfte geraubt werden. Bei Letzterem braucht es einen neuen Zugang. Allein eine mentale Veränderung auf diesem Gebiet bewirkt, dass die Flucht ins Immer-Mehr-Machen durch eine persönlichkeitsspezifischere Bewältigungskompetenz abgelöst wird.
Robert:
„Und nach drei Sitzungen sagt der Träger: ,Schön, dass sie sich verstanden fühlt. Aber die Konflikte bestehen weiter.‘
Ich würde sofort an Kommunikationsmustern arbeiten und natürlich ganz viele Fragen stellen, um das eigentliche Problem zu verstehen: Wie erzeugt sie Stress? Welche inneren Bilder blockieren? Welche Sprache eskaliert Teamsituationen?
Veränderung muss beobachtbar werden.“
Tilman:
„Du behandelst Symptome. Das sind Scheinlösungen. Sie sind nicht nachhaltig.“
Robert:
„Du riskierst in einer immer schneller werdenden Welt Wirkungslosigkeit.“
„Sie arbeiten beide stark mit Sprache. Aber offenbar sehr unterschiedlich.“
Robert:
„Sprache ist niemals neutral. Worte erzeugen Realität. Wenn eine Führungskraft sagt: ,Ich muss alles tragen‘, dann ist das kein bloßer Satz. Das ist ein inneres Programm.“
Tilman:
„Oder ein ehrlicher Ausdruck ihres Erlebens.“
Robert:
„Ja, aber Sprache beeinflusst Denken. Wenn wir sprachliche Muster verändern, verändert sich Erfahrung.“
Tilman:
„Erfahrung braucht Kongruenz. Stimmen meine Worte? Glaube ich, was ich sage? Dann können Situationen tatsächlich überzeugend neu verstanden werden. Wenn nicht, wird Sprache zur verbalen Maske.“
Robert:
„Und die Gefahr deines Ansatzes ist, dass Menschen jahrelang ,bei sich ankommen‘ und trotzdem keine Teams führen können.“
Tilman:
„Führung arbeitet mit Vertrauen. Sie ist dabei grundsätzlich intentional. Das ist ihre Aufgabe als Führung. Gerade deshalb ist jede Form psychologischer Steuerung ethisch sensibel. Denn Führung bewegt sich immer auch auf dem Grenzgebiet zum Manipulativen.“
Robert:
„Du unterstellst Manipulation.“
Tilman:
„Dein Ansatz wurde oft genau dafür kritisiert: Einfluss, Suggestion, Wirkungstechniken, persuasive Kommunikation. In hierarchischen Organisationen ist das gefährlich.“
Robert:
„Und dennoch nutzen erfolgreiche Führungskräfte in Kirche und Diakonie genau solche Kompetenzen: Framing, Rapport, Zielkommunikation, emotionale Steuerung.
Die Frage ist nicht, ob Einfluss stattfindet, sondern wie bewusst. Wir manipulieren uns alle gegenseitig, sobald wir nur den Mund aufmachen – ob wir wollen oder nicht.
Als Theologe und Coach ist dir das doch vollkommen klar, oder?“
Tilman:
„Menschliche Würde und Effizienz im Beruf sind für mich keine Gegensatzpaare.“
Robert:
„Ohne Wirksamkeit kollabieren soziale Systeme. Die Transformation von Kirche und Diakonie ist ja kein Spaßprojekt.“
„Nun die heikle Frage: Was wirkt besser?“
Tilman:
„Die personzentrierte Haltung gehört zu den empirisch am besten abgesicherten Grundlagen im Coaching. Sie erzeugt Wirkung, weil sie auf das Handeln im Hier und Jetzt fokussiert und dadurch beim Coachee neue Lösungen evoziert. Der Coachee wird handlungsmächtig.“
Robert:
„Ich nutze eine ganze Reihe von Methoden aus dem Feld der humanistischen Psychologie, der Kommunikationswissenschaften und auch der Neurobiologie. Mich interessieren Klarheit, Umsetzbarkeit, Wirksamkeit und auch die Schnelligkeit von Veränderung.“
Tilman:
„Mitarbeitende suchen nach punktueller Stabilität in grundsätzlich labilen Kontexten. Dazu brauchen sie Selbstwirksamkeitserfahrungen.“
„Wenn Sie einer kirchlichen Organisation einen Rat geben müssten?“
Tilman:
„Verwechselt Führung niemals mit Kontrolle. Menschen in sozialen Organisationen brennen nicht aus, weil sie zu viele Veränderungen erleben, sondern weil sie in diesen Veränderungen zu wenig echte Begegnung erleben.“
Robert:
„Und ich sage: Gute Absichten reichen nicht. Kirche und Diakonie brauchen professionelle Kommunikation, Klarheit und Veränderungskompetenz. Sonst wird das mit der Transformation nichts!“
Tilman:
„Ohne personale Beziehung wird strukturelle Veränderung blutleer.“
Robert:
„Ohne Veränderung bleibt Beziehung folgenlos.“
Und hier unten noch schnell das Video zu den vielen Gemeinsamkeiten sowie einige Ideen und Tipps für das Coaching mit Tilman Kingreen und Robert Wieczorek.
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